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Beschreibung
Spätestens seit den 1980er Jahren befinden sich die Arbeitswelten des Globalen Nordens im Umbruch. Die Debatten um den Strukturwandel firmieren seitdem zwar unter den verschiedenen Topoi der »Erosion des Normarbeitsverhältnisses« (unter anderem Offe 1984), der Zunahme »atypischer Beschäftigung« oder der »Prekarisierung« (Castel/Dörre 2009; Dörre u.a. 2013; Standing 2011). Gleichwohl rekurrieren sie auf mehr oder weniger dasselbe Phänomen: In den (ehemaligen) industriellen Kernregionen des Globalen Nordens hat unbefristete, betriebliche Vollzeitbeschäftigung als Normgröße für Arbeits-, Tarif- und Sozialpolitik an Bedeutung eingebüßt, während wohlfahrtsstaatliche Regulierung innerhalb der Arbeitswelt zugunsten von ökonomischer Flexibilisierung insgesamt an Prägekraft verloren hat. Auch die tonangebenden Zukunftsprognosen zur Arbeitswelt aktualisieren diese Diagnose. Sie gehen unter anderem davon aus, dass in einer zunehmend digitalisierten und automatisierten Arbeitsgesellschaft das Arbeitskräftepotential die Nachfrage bald schon deutlich überschreiten und im Zuge dessen konventionelle Lohnarbeit weiter ihre Relevanz einbüßen wird. Es wird prognostiziert, dass die Digitalisierung zur weiteren Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse beitragen und dass unbezahlte, kreative sowie informelle Arbeit zunehmend an Bedeutung gewinnen wird (Brynjolfsson/McAfee 2014; Huws 2014; zu Informalisierung der Arbeit im flexiblen Kapitalismus: u.a. Komlosy 2014; Burchardt u.a. 2013).Zentrales Charakteristikum des Strukturwandels der Arbeitswelt ist, dass Frauen dabei auf besondere Weise benachteiligt sind. In den letzten Jahrzehnten vollzog sich ein Anstieg der weiblichen Erwerbstätigkeit nicht unwesentlich über die Ausweitung der Teilzeitarbeit oder die Integration von Frauen in expandierende Segmente der prekären Beschäftigung. Diese Entwicklungen sind unmittelbar verkoppelt mit einer Reorganisation dessen, was wir im Fortgang des Buches - in Anknüpfung an materialistisch-feministische Perspektiven - als Arbeit in der Sphäre der sozialen Reproduktion verstehen (Laslett/Brenner 1989). Gemeint sind manuelle, mentale oder emotionale Arbeiten, wie Haushaltsarbeit, die Erziehung von Kindern, die Pflege von Bedürftigen, die nicht nur notwendig sind, um die Arbeitskraft zu reproduzieren, sondern um darüber hinaus in umfassender Weise das Leben der gegenwärtigen sowie der nächsten Generation zu erhalten (ebd.: 383). Die überwiegend von Frauen unbezahlt im Haushalt verrichteten Reproduktionsarbeiten stehen durch die Zunahme prekärer Arbeit in der Erwerbssphäre unter einem besonderen Druck: Prekarität betrifft nicht nur Erwerbsbiographien und Arbeitsalltage, sie wirkt »überall« (Bourdieu 1998), auch innerhalb der Lebensbereiche des Privathaushalts. Während in der deutschen Nachkriegszeit bis in die jüngere Vergangenheit Reproduktion über ein Zusammenspiel aus sogenanntem Normalarbeitsverhältnis, sozialstaatlicher Absicherung und traditioneller Arbeitsteilung in der Versorger-Ehe kollektiv reguliert und organisiert war, wird sie gegenwärtig zu einem individualisierten Projekt (Jürgens 2017: 274). In immer mehr Haushalten etablierte sich das Zweiverdiener-Modell bei nur teilweise modernisierter Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, erhöhter Arbeitsbelastung und fehlendem öffentlichen Betreuungsangeboten für Kinder und die wachsende Anzahl Pflegebedürftiger (ebd.). Aufgrund des Abbaus öffentlicher Daseinsfürsorge wird die soziale Reproduktion außerdem zunehmend unter marktwirtschaftlichen Bedingungen reorganisiert. In diesem Segment entstand ein feminisierter und zugleich abgewerteter Care-Arbeitssektor, in dem zu einem hohen Anteil Migrant_innen beschäftigt sind (Lutz 2007). In ihrer Zusammenschau werden diese Dynamiken gegenwärtig als verschärfte »Krise sozialer Reproduktion« verstanden (unter anderem Winker 2013; Becker-Schmidt 2011; Klinger 2013; Haubner 2017). Vor allem mit Blick auf die miteinander verschränkten Umbrüche in Erwerbs- und Reproduk
Spätestens seit den 1980er Jahren befinden sich die Arbeitswelten des Globalen Nordens im Umbruch. Die Debatten um den Strukturwandel firmieren seitdem zwar unter den verschiedenen Topoi der »Erosion des Normarbeitsverhältnisses« (unter anderem Offe 1984), der Zunahme »atypischer Beschäftigung« oder der »Prekarisierung« (Castel/Dörre 2009; Dörre u.a. 2013; Standing 2011). Gleichwohl rekurrieren sie auf mehr oder weniger dasselbe Phänomen: In den (ehemaligen) industriellen Kernregionen des Globalen Nordens hat unbefristete, betriebliche Vollzeitbeschäftigung als Normgröße für Arbeits-, Tarif- und Sozialpolitik an Bedeutung eingebüßt, während wohlfahrtsstaatliche Regulierung innerhalb der Arbeitswelt zugunsten von ökonomischer Flexibilisierung insgesamt an Prägekraft verloren hat. Auch die tonangebenden Zukunftsprognosen zur Arbeitswelt aktualisieren diese Diagnose. Sie gehen unter anderem davon aus, dass in einer zunehmend digitalisierten und automatisierten Arbeitsgesellschaft das Arbeitskräftepotential die Nachfrage bald schon deutlich überschreiten und im Zuge dessen konventionelle Lohnarbeit weiter ihre Relevanz einbüßen wird. Es wird prognostiziert, dass die Digitalisierung zur weiteren Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse beitragen und dass unbezahlte, kreative sowie informelle Arbeit zunehmend an Bedeutung gewinnen wird (Brynjolfsson/McAfee 2014; Huws 2014; zu Informalisierung der Arbeit im flexiblen Kapitalismus: u.a. Komlosy 2014; Burchardt u.a. 2013).Zentrales Charakteristikum des Strukturwandels der Arbeitswelt ist, dass Frauen dabei auf besondere Weise benachteiligt sind. In den letzten Jahrzehnten vollzog sich ein Anstieg der weiblichen Erwerbstätigkeit nicht unwesentlich über die Ausweitung der Teilzeitarbeit oder die Integration von Frauen in expandierende Segmente der prekären Beschäftigung. Diese Entwicklungen sind unmittelbar verkoppelt mit einer Reorganisation dessen, was wir im Fortgang des Buches - in Anknüpfung an materialistisch-feministische Perspektiven - als Arbeit in der Sphäre der sozialen Reproduktion verstehen (Laslett/Brenner 1989). Gemeint sind manuelle, mentale oder emotionale Arbeiten, wie Haushaltsarbeit, die Erziehung von Kindern, die Pflege von Bedürftigen, die nicht nur notwendig sind, um die Arbeitskraft zu reproduzieren, sondern um darüber hinaus in umfassender Weise das Leben der gegenwärtigen sowie der nächsten Generation zu erhalten (ebd.: 383). Die überwiegend von Frauen unbezahlt im Haushalt verrichteten Reproduktionsarbeiten stehen durch die Zunahme prekärer Arbeit in der Erwerbssphäre unter einem besonderen Druck: Prekarität betrifft nicht nur Erwerbsbiographien und Arbeitsalltage, sie wirkt »überall« (Bourdieu 1998), auch innerhalb der Lebensbereiche des Privathaushalts. Während in der deutschen Nachkriegszeit bis in die jüngere Vergangenheit Reproduktion über ein Zusammenspiel aus sogenanntem Normalarbeitsverhältnis, sozialstaatlicher Absicherung und traditioneller Arbeitsteilung in der Versorger-Ehe kollektiv reguliert und organisiert war, wird sie gegenwärtig zu einem individualisierten Projekt (Jürgens 2017: 274). In immer mehr Haushalten etablierte sich das Zweiverdiener-Modell bei nur teilweise modernisierter Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, erhöhter Arbeitsbelastung und fehlendem öffentlichen Betreuungsangeboten für Kinder und die wachsende Anzahl Pflegebedürftiger (ebd.). Aufgrund des Abbaus öffentlicher Daseinsfürsorge wird die soziale Reproduktion außerdem zunehmend unter marktwirtschaftlichen Bedingungen reorganisiert. In diesem Segment entstand ein feminisierter und zugleich abgewerteter Care-Arbeitssektor, in dem zu einem hohen Anteil Migrant_innen beschäftigt sind (Lutz 2007). In ihrer Zusammenschau werden diese Dynamiken gegenwärtig als verschärfte »Krise sozialer Reproduktion« verstanden (unter anderem Winker 2013; Becker-Schmidt 2011; Klinger 2013; Haubner 2017). Vor allem mit Blick auf die miteinander verschränkten Umbrüche in Erwerbs- und Reproduk
Details
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Recht, Sozialwissenschaften, Wirtschaft
Medium: Taschenbuch
Inhalt: 243 S.
ISBN-13: 9783593510224
ISBN-10: 3593510227
Sprache: Deutsch
Einband: Kartoniert / Broschiert
Autor: Neuhauser, Johanna
Sittel, Johanna
Weinmann, Nico
García Guzman, Brígida
Espino, Alma
Redaktion: Neuhauser, Johanna
Sittel, Johanna
Weinmann, Nico
Herausgeber: Johanna Neuhauser/Johanna Sittel/Nico Weinmann
Auflage: 1/2019
Hersteller: Campus Verlag in der Beltz Verlagsgruppe
GmbH & Co. KG
Verantwortliche Person für die EU: Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG, Werderstr. 10, D-69469 Weinheim, info@campus.de
Maße: 215 x 140 x 15 mm
Von/Mit: Johanna Neuhauser
Erscheinungsdatum: 09.10.2019
Gewicht: 0,312 kg
Artikel-ID: 116206605

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